CURRENT MOON
Sternensuche

Das folgende englische Märchen habe ich dem Buch: “Die Frau die nur im Mondlicht aß” von Anita Johnston, erschienen im Scherz Verlag, entnommen...

Jeden Abend lag sie vor dem Einschlafen im Bett und starrte durch ihr Fenster hinauf zu den Sternen. In klaren Nächten freute sie sich, wenn sie ganz hell blitzten. In anderen Nächsten sah sie zu, wie sie mit den Wolken Versteck spielten. In Sturmnächten zeigten sie ihre Gesichter überhaupt nicht, wenn auch das Mädchen vermutete, dass sie hinter den Wolken versteckt und trotzdem da waren.

An einem warmen Sommerabend, als der Mond gerade voll war, beschloss das Mädchen, seine Sehnsucht zu stillen und sich auf die Suche nach den Sternen zu machen. Sie lief und lief, bis sie an einen klaren, spiegelglatten Teich gelangte.

„Guten Abend“ sagte das Mädchen. „ich bin unterwegs, die Sterne im Himmel zu besuchen. Kannst du mir sagen, wie ich dorthin komme?“

„Sie sind doch direkt hier in meinem Antlitz“ sagte er Teich, „Spring hinein und fang sie.”

Das Mädchen blickte auf die Sterne, die im Teich glänzten und sprang hinein. Dabei hielt sie die Hände auf, um vielleicht einen zu fangen. Aber sie fand keinen Stern.

Da ging sie weiter, bis sie an einen sprudelnden Bach gelangte.

„Guten Abend“ sagte das Mädchen, „ich will die Sterne im Himmel besuchen. Kannst du mir helfen?“

„Aber ja“ antwortete der Bach. „Sie sind immer hier bei mir und tanzen im Wasser zwischen den Steinen. Komm doch herein und fang dir einen“

Das Mädchen watete mit gewölbten Händen in den Bach hinein, um einen herauszufischen. Aber sie fand keinen einzigen Stern.

„Ich glaube, die Sterne sind nicht wirklich hier“ rief sie enttäuscht.

„Nun, es sieht aber so aus, als wären sie hier, und das ist doch das gleiche“ gab der Bach zurück.

„Nein, das ist es nicht“ widersprach das Mädchen.

Sie ging weiter, bis sie ein paar  Elfen sah, die auf einem Hügel tanzten. „Guten Abend“ sagte das Mädchen, als es sich dem kleinen Wäldchen näherte. „ich will die Sterne im Himmel besuchen. Könnt ihr mir dabei helfen?“

„Sie sind doch hier, im Tauf auf dem Gras, wo wir tanzen. Komm und tanz mit uns, dann fängst du sicher einen.“

Das Mädchen tanzte und tanzte mit den Elfenkreis und fuhr immer wieder mit offenen Händen zum Boden, um einen Stern zu schnappen. Aber sie fing keinen einzigen. Entmutigt setzte sie sich auf einen moosigen Baumstumpf und sagte zu den fortwirbelnden Elfen: „Ich habe die Sterne gesucht und gesucht, aber ich kann sie nicht finden. Könnt ihr mir nicht helfen?“

Da begann eine der Elfen um sie herumzutanzen, und sagte mit ihrer hohen, süßen Stimme: “Da du so wild entschlossen bist, die Sterne zu finden, werde ich dir verraten, wie du zu ihnen kommst: Wenn du nicht rückwärts gehen willst, geh vorwärts. Achte darauf, dass du den richtigen Weg einschlägst. Bitte Vierfuß, dich zu Ohnefuß zu tragen, der dich wiederum zur Treppe ohne Stufen bringen wird. Wenn du sie hochsteigen kannst, gelangst du zu den Sternen.“

Das Mädchen erhob sich rasch und begann, vorwärts zu gehen, und achtete auch darauf, dass sie auf dem richtigen Weg war. Dann traf sie ein Pferd, das unter einem Baum graste.

„Guten Abend“ sagte sie, „Ich will die Sterne im Himmel besuchen. Kannst du mich dorthin tragen?“

“Ich weiß nicht, wie man zu den Sternen im Himmel gelangt“ antwortete das Pferd. „Meine Aufgabe ist es, den Elfen zu helfen“

„Ich habe gerade mit den Elfen getanzt“ rief das Mädchen, „und sie haben mir gesagt, ich solle Vierfuß bitten, mich zu Ohnefuß zu tragen“.

„Nun, ich bin Vierfuß, und wenn die Elfen sagen, ich soll dich zu Ohnefuß bringen, dann steig auf meinen Rücken und wir reiten los“ sagte das Pferd.

Das Mädchen ritt und ritt, bis sie ans Ende des Landes kamen, wo sich bis zum Horizont das Meer vor ihnen ausbreitete. Weit hinten in der Ferne sahen sie ein Band aus strahlend bunten Farben, das den Himmel überspannte.

Da glitt das Mädchen vom Rücken des Pferdes und blieb am Ufer stehen. Ein sehr großer Fisch schwamm heran.

„Guten Abend“ sagte das Mädchen, „ich suche die Treppe ohne Stufen. Kannst du mich dorthin bringen?“

„Ich stehe nicht jedem zur Verfügung, der mich bittet“ sagte der Fisch „Ich gehorche nur den Elfen.“

„Ich habe gerade mit den Elfen getanzt und sie haben mir gesagt, ich solle Vierfuß bitten, mich zu Ohnefuß zu bringen, und der würde mich zur Treppe ohne Stufen tragen.“

„Na, dann steig auf meinen Rücken. Ich bin Ohnefuß, und ich bringe dich zur Treppe ohne Stufen“ sagte der Fisch.-

Und so schwammen sie los: Das Mädchen hielt sich am Rücken des Fischs fest, bis sie zum Horizont gelangten, wo sich die strahlend bunten Farben hoch in den Himmel bogen.

„Hier sind wir“ sagte der Fisch. „Paß auf beim Aufstieg – es ist keine leichte Treppe“

Das Mädchen glitt vom Rücken des Fisches herab und begann, den hohen bogen aus vielen Farben hochzusteigen. Der Fisch hatte recht gehabt. Es war keine leichte Treppe.

Aber das Mädchen bewegte sich langsam und vorsichtig und schob sich Zoll für Zoll hinauf. Als sie müde wurde, verlor sie ab und zu  den Halt und rutschte zurück. Es war kalt und sie war von Dunkelheit umgeben, aber sie ging weiter bis sie oben auf dem Bogen ankam, wo sie ein strahlendes Licht umgab. Endlich!

Da waren sie – die Sterne des Himmels. Sie streckte die Hand aus, um einen der leuchtenden Sterne anzufassen. Sie streckte die Hand weiter und weiter, bis sie plötzlich das Gleichgewicht verlor und mit einem Seufzer, der halb bedauernd, halb zufrieden klang, immer schneller abwärts in die Dunkelheit unter ihr fiel.

Als sie die Augen wieder öffnete, war es Morgen, und sie lag in ihrem eigenen Bett. “Ich bin doch zu den Sternen gekommen“ fragte sie sich. “Oder habe ich es bloß geträumt?” 

Dann sah sie auf ihre Hand, die immer noch zur Faust geballt war, und als sie sie langsam öffnete, sah sie ein Sternenstäubchen darin.

 

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